FIENSTEDT | SALZATAL

Vom »Weißen Kreuz« zur roten Fahne

Autobiografie von Max Hoelz, 1928

Auszug 31. März / 01. April 1921

In der Nacht vom 31. März zum 1. April erreichten die Truppen den Ort Beesenstedt. Hier sollte Rast gemacht und das während des Marsches in der Feldküche gekochte Essen verteilt werden. Die Arbeitersoldaten wurden in den drei Domänen des Ortes einquartiert. Die größte Domäne gehörte dem Rittmeister Nette, der mit seiner Frau und seinem Sohne ein Schloss bewohnte, das 1914 mit einem Aufwand von Millionen errichtet worden war. Als wir die umfangreichen Vorratsgewölbe dieses Hamsterschlosses untersuchten, fühlten wir uns in das Schlachthaus einer Großstadt versetzt: da hingen Reihen von geräuchertem Schinken, Speckseiten und Würsten. Alle nur erdenklichen Delikatessen waren hier in riesigen Massen aufgespeichert. Das zu einer Zeit, wo in ganz Deutschland die größte Lebensmittelknappheit herrschte. Verschiedene Rotgardisten bekamen über diese zum äußersten Gipfel getriebene Selbstsucht Wutanfälle.

Mir erschien es als ein Verbrechen an der Not leidenden Arbeiterschaft, die Vorräte in ihrer Einsamkeit zu belassen. Acht Mann trugen von zwölf Uhr nachts bis vier Uhr früh an langen Stöcken die Unmengen Schinken, Speckseiten, Würste, auch Butter, Fett und vieles andere in den Tanzsaal des kleinen Dorfgasthofes, wo unser Quartier war. Von den Delikatessen, die wir zur Deckung des Bedarfs des Schlosspersonals zurückließen, konnten sich diese Lakaien noch monatelang ernähren. Die von uns beschlagnahmte Menge an Lebensmitteln bestimmte ich zur Verteilung an die arbeitende Bevölkerung und für die Verpflegung meiner Truppen.

Arbeiter werden in Eisleben verhaftet Als zwei Mann mit der schweren Last, unter der sich die Stöcke bogen, an mir vorübergingen, musste ich an jene Kundschafter denken, die Moses nach seinem Zug durch die Wüste in das gelobte Land Kanaan sandte und die zurückkehrten mit Stöcken, die sich unter der Last der reifen Trauben bogen. Charakteristisch für den Rittmeister Nette war, dass er in seinen Schränken außer zahlreichen Hosen aus Militärstoff nicht weniger als achtzehn Paar Militärunterhosen und über zwanzig Militärhemden vorrätig hatte. Wir beschlagnahmten diese für den Herrn Rittmeister ganz überflüssigen Sachen samt fünf Dutzend anderer, vollständig neuer Hemden, getreu dem alten Bibelwort: »Wenn du zween Röcke hast, so gib einen dem, der keinen hat.«

Auf die Frage des Moabiter Ausnahmerichters an den Zeugen Rittmeister Nette, welchen Schaden er durch die Rotgardisten erlitten habe, gab Nette bezeichnenderweise nur den Verlust von fünf Dutzend Eigenhemden an. Er verschwieg aber wohlweislich das Fehlen von Militärhosen, -röcken und -unterzeug, er befürchtete wohl, dass der Richter oder einer der Verteidiger ihm die Frage vorlege, auf welche Weise er zu so auffallend vielen Militärbekleidungsstücken gekommen sei. Außer den genannten Sachen vermisste Nette aus seinem lebenden Besitz noch einen fetten Ochsen, über dessen Verlust er sich vor Gericht bitter beschwerte. Der Ochse war von unserer Verpflegungskommission geschlachtet und an die ausgehungerten Proletarier des Ortes verteilt worden.

Freitag, den 1. April, kam es zu dem mörderischen und tragischen Gefecht bei Beesenstedt. Unsere militärische Lage hatte sich in den letzten achtundvierzig Stunden erheblich verschlechtert. Eine größere Formation revolutionärer Arbeiter existierte nicht mehr. Durch die schweren Kämpfe in Ammendorf und im Leunawerk waren die vereinten Arbeitertruppen in mehrere, kaum ein paar Hundertschaften starke Gruppen auseinandergesprengt worden. Diese verstreuten Formationen strebten intensiv nach einer Vereinigung. Das zu verhindern war das Ziel der Sicherheitspolizei und Reichswehr. Die Sipo, durch Kontingente von süddeutschen Zeitfreiwilligen verstärkt, verfügte über reichliche artilleristische Kampfmittel.

Beim Abmarsch von Wettin sah ich das Aussichtslose unserer Lage klar vor Augen. Ich wollte schon dort die Truppen auflösen. Es war absolut unmöglich, eine Anweisung von einer Parteiinstanz zu bekommen. Unsere Truppe in Beesenstedt auseinander gehen zu lassen, hielt ich für falsch. Einmal war die Gegend absolut nicht geeignet, um unsere Waffen, Minenwerfer und andere militärische Ausrüstung nach erfolgter Auflösung zu verstecken. Dafür kam fast nur das mansfeldische Gebiet mit seinen zahlreichen Schächten und anderen Industrieanlagen in Frage. Zum anderen empfing ich Meldung von uns entgegenrückenden Kampfgenossen. Gelang es uns, auf sie zu stoßen, so durfte ich hoffen, mein gestecktes Ziel zu erreichen.

Ein guter Tagesmarsch konnte uns mit den Genossen verbinden. Gegen Mittag verließen wir Beesenstedt und wagten den letzten Versuch, uns durch den immer enger werdenden Ring der Sipo und Reichswehr durchzuschlagen. Nach einer Stunde, als wir schon einige Kilometer vorgesto­ßen waren, sichtete ich mit dem Feldstecher in einer Entfernung von etwa 3000 Metern in Schützenlinie anrückende Grüne. Sofort brachten wir unsere Maschinengewehre in Stellung und fanden geeignete Deckung hinter dem Bahndamm einer kleinen Werkbahn. Wir hatten kaum Deckung genommen, als bereits die ersten Granaten und Schrapnells in unseren Reihen platzten. Die Arbeitersoldaten verteidigten sich gegenüber dem überraschenden Angriff mit Todesverachtung und beispiellosem Mut; bei unserem Mangel an Munition aber war ein längerer Kampf aussichtslos. Das schwere Artilleriefeuer des Gegners brachte uns größte Verluste. Nicht einer von uns glaubte, dass er lebend aus diesem Hexenkessel herauskomme. Mehr als zwanzig tapfere Genossen blieben am Platz und opferten dem Befreiungskampfe der Arbeiter ihr Leben. Andere Kämpfer entgingen der Vernichtung nur, indem sie sich schwimmend oder in Kähnen über die in unserem Rücken befindliche Saale retteten.

Der offizielle Regierungsbericht meldete über dieses Gefecht:
»Die von zwei Seiten bei Beesenstedt gestellten Banden, die sich inzwischen auf etwa 500 Kämpfer verstärkt hatten, verloren im Gefecht, das sich nunmehr entwickelte, ihre gesamte Gefechtsbagage (31 Fahrzeuge), sowie fast restlos ihre Waffen (5 Maschinengewehre, 6 Maschinengewehrpistolen, 150 Gewehre, einen Panzerkraftwagen, einen Lastkraftwagen und zwei leichte Minenwerfer). Der Gegner verlor hierbei 18 Tote und 19 Gefangene, die teilweise verwundet waren. Auch hier hatte Hoelz persönlich geführt, unterstützt von Schneider. Eine Anzahl Aufrührer entkamen über die Saale. Sechzig von ihnen wurden am anderen Tage durch die anhaltische Schutzpolizei an der preußischen Grenze bei Unterpreisen gefangen genommen, vierzig andere wurden in der Gegend von Löbejün festgenommen.«

[Wikipedia: Vom weissen Kreuz zur Roten Fahne]

Die blutige Osterwoche im Mansfelder Land
Tatsachenmaterial aus der Märzaktion

Joseph Schneider

S. 53/54

In Beesenstedt residierte der Reaktionär Nette in einem märchenhaften Schloß. Dort wurde Rast gemacht und das Schloß mit zwei Gruppen Arbeitern belegt, während der Rest in einer Gastwirtschaft Quartier bezog. Nachdem der Ort genügend gesichert war, suchte man das Schloß nach Lebensmitteln ab. Der Schloßherr hatte natürlich längst das Weite gesucht und seinen Gutshof dem Verwalter und der Schließerin zur Obhut übergeben. Außerdem war noch eine ältere Verwandte des Besitzers im Hause verblieben. Die Speisekammer bot ein Bild des Prasserlebens, wie ich es noch nie gesehen hatte. Drei volle Stunden gebrauchte ein Detachement von 20 Mann, um die ganzen Vorräte herauszuschleppen. Die feinste Wurst, unzählige Schinken und Speckseiten, die leckersten Konserven, mit denen man eine kleine Stadt ein volles Jahr ausrüsten könnte, lagerten in der geräumigen Räucherstube. Das Personal erzählte von dem Hungerleben, welches es trotz alledem zu führen gezwungen war. Die meisten dienstbaren Geister waren aus Besenstadt selbst und aßen sich bei ihren Angehörigen satt, Weil sie buchstäblich Hunger litten. Das innere des Schlosses war in der raffiniertesten Weise ausgestattet; die früheren königlichen Schlösser bilden elende Hütten im Vergleich zu diesem mit Kostbarkeiten überladenen Palast. Trotzdem wurde außer den Lebensmitteln auch nicht das Geringste der Kostbarkeiten angerührt. Die Besatzung schlief in den Räumen der Dienerschaft, die im Erdgeschoß lagen. Wenn der Schloßherr bei seiner Vernehmung im Hölzprozeß behauptete, es wäre dort grausam gehaust worden, so strafte er sich selbst Lügen durch seine weitere Feststellung, daß ihm nur zwei Dutzend Taschentücher abhanden gekommen seien. Die Herrschaftsräume sind überhaupt nicht von den Arbeitern betreten worden. Am nächsten Morgen wurde Befehl gegeben, zwei Ochsen für die Einwohnerschaft abzuschlachten und so erhielt jede Familie pro Kopf 1 Pfund Fleisch. Die Besenstedter Einwohnerschaft besteht zum größten Teil aus Gutsarbeitern, die unter den elendesten Bedingungen ein wahres Hungerdasein führen. Die Vorräte des Schlosses waren für die armen Landarbeiter ein Blick ins Schlaraffenland.

 

Am folgenden Tage beschloß Hölz, seinen Marsch nach dem Städtchen Alsleben a. d. Saale fortzusetzen. Kaum hatte die Truppe den Ort verlassen, als sie die Beobachtung machte, daß sie vollständig umzingelt war. Schon schlugen die ersten Artilleriegeschosse in unmittelbarer Nähe der Truppe ein, als der Befehl zur Bildung einer Schützenkette. gegeben wurde. Zu spät! immer näher rückten die Truppen und in solcher Anzahl, daß an einen erfolgreichen Widerstand nicht zu denken war, zumal die Maschinengewehre nicht frühzeitig genug in Stellung gebracht werden konnten. Hölz gab darauf den Befehl, daß jeder auf eigene Faust sein Heil in der Flucht suchen sollte und eine nahe gelegene Schlucht, die allerdings auch mit einem Kugelregen übersät wurde, bot den Arbeitern etwas Schutz. Der größte Teil konnte die Saale erreiche und schwimmend das andere Ufer gewinnen. Ueber 100 Arbeiter, die in die Hände der Sipos gefallen waren, wurden teilweise in der grausamsten Weise hin gemordet.

1929 Malik Verlag
1969 Frankfurt a.M., Neue Kritik
1977 Frankfurt a.M., Neue Kritik (3. Auflage)
1984 Mitteldeutscher Verlag, (=edition aurora)
1986 Mitteldeutscher Verlag, edition aurora (3. Auflage)
1989 Mitteldeutscher Verlag, edition aurora
1984 Frankfurt am Main, Edition Aurora im Röderberg-Verlag
1990 Frankfurt am Main, Verlag Neue Kritik
1990 Köln, Röderberg-Verlag
1973 nahm die DEFA das Buches von Max Hoelz als Grundlage für ihren Spielfim: „WOLZ - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten.“, der vorallem im Mansfelder Land gedreht wurde, so in Gerbstedt, Fienstedt, Wimmelburg, Hettstedt.
[Zum Film]