FIENSTEDT | SALZATAL

ELISABETH SUSANNA ZEIDLER

Klage über die tyrannischen Ziegenböcke

(*1657 Fienstedt †um 1706)

Ach ist es nicht schade / der herrliche Garten /
Aus welchem man könte viel Früchte erwarten /
   Voll köstlicher Bäume und Kräuter gepflantzt /
   Mit künstlichen Wällen und Mauren umschantzt /
Mit eichenen Thüren und Riegeln verwahret /
Selbwächsene Zäune nicht wurden gesparet /
   Das irdische Paradieß lustiger Pracht
Das haben die Böcke zu nichte gemacht.
Die stinckenden Böcke / die schädlichen Gäste /
Die sprungen hinüber / zubrachen die Aeste /
   Zubissen die Zweige / zurissen die Wand.
   Diß wurde gar balde dem Gärtner bekant /
Der dachte sich wieder an ihnen zu rächen /
Sprach / das ihr doch müstet die Hälse zubrechen
   Den Graben hinunter. Was fang ich nu an?
   Ach haben die Böcke nicht schaden gethan.
Ihr stinckendes beßliches Ottergezüchte /
Ihr Schinder der Bäume / Verderber der Früchte /
   Verwüster der Gärten / was seyd ihr wohl wehrt?
   Ihr Diebe / das hat euch der Teuffel gelehrt.
Ihr Bestien / könt ihr den Hunger nicht stillen /
So mögt ihr die Kehle mit Blättern wohl füllen /
   Nur schonet der Zweige / der Früchte dabey /
   Sonst schlag ich euch allen die Hälse entzwey.
Ach solte mich dieses nicht hefftig verdriessen /
Was hilfft mich mein fleissiges Pflantzen und Giessen?
   Mein graben und schantzen mit eigener Hand!
   Was nützet die Mauer / die kostbare Wand?
Die Thüren und Riegel? Ist alles vergebens /
Der Bock mit Gefährligkeit Leibes und Lebens
   Steigt über die Mauer / springt wider hinab /
   Beschelet die Bäume / die Zweige bricht ab.
Macht also in wenigen Stunden zu nichte
Das was ich viel Jahre mit Mühe verrichte /
   Wie rath ich der Sachen? Denn seh ich sie dort
   Und eile zum Garten / so sind sie schon fort.
Doch wenn sie sich gleich in die Büscher verkriechen /
So kan ich die Stäncker von ferne wohl riechen.
   Ja kommen die Näscher nur wieder herein /
   So halt ich / das dienlichste Mittel wird sein /
Das ich mich nicht lasse der Mühe verdriessen
Die stinckenden Böcke zu tode zu schiessen.
   Und dieses geschahe im selbigen Blick /
   Der edele Gärtner der hatte das Glück /
Den besten Bock welcher im Garten rumb leckte /
Zu treffen / das er alle viere hinstreckte.
   Das sahen die andern / und spielten Reißaus /
   Und stürtzten sich über die Mauren hinaus.
Wiewohl sie nicht gäntzlich der Straffe entgangen /
Bald wurde noch einer von ihnen gefangen:
   Ein grosser Mehlkasten stund oben im Saal
   Da funden die Böcke ein herrliches Mahl.
Der faulen Magd hatte die Mühe verdrossen /
Den grossen Mehlkasten nicht wieder verschlossen /
   Die Kammer stund offen / als dieses geschehn /
Da hätte man seltzame Dinge gesehn:
Den Böcken beliebte die niedliche Speise /
Ein alter Bock stieg in den Kasten gar leise /
   Fiel endlich hinunter biß über den Bart /
   Der Deckel war oben nicht feste verwahrt.
Als er sich nu hatte gar dicke gefressen /
Der vorigen Dinge im Garten vergessen /
   War lustig und Frölich / sprang weidlich herum /
   So lange biß endlich der Deckel fiel um /
Blieb also versperret drey Nächte und Tage /
Führt endlich darinnen erbärmliche Klage.
   Er sprudelte / meckerte / spiehe und bließ /
   Bald unten bald oben an Kasten anstieß.
Sprach Jupiter / wollest mir Hülffe zuschicken /
Sonst muß ich in diesem Gefängniß ersticken.
   Ach hett ich nur Wasser / so wäre mir schon
   Geholffen. Doch das ist der Näscher ihr Lohn.
Doch wollest mich endlich der Straffe befreyen.
Als Jupiter hörte sein klägliches Schreyen /
   Zeigt er ihm bald unten im Kasten ein Loch /
   Durch welches er endlich mit Mühe naus kroch.
War gäntzlich verschmachtet / lieff eilend zur Brücken
Soff das da er hätte fast mögen ersticken.
   Drauff zottelt er wieder fein sachte nach Haus.
   Und schüttelt das Meel aus dem Peltze heraus.
Zwey Böcke die hatten die Straffe erlitten
Die grausamen Wölffe die strafften den dritten
   Der konte des Abends nicht wieder ins Haus /
   Lieff also verirret zum Dorffe hinaus /
Allwo ihn die Wölffe zerrissen und frassen
Die Mägde des Bocks daheime vergassen /
   Doch suchten ihn endlich / da funden sie dort
   Des Bockes Kopff liegen am selbigen Ort.
Das andere hatten die Wölffe gefressen /
Doch were des Schadens gar balde vergessen /
   Dieweil man nicht viel nach den Böcken gefragt.
   Das liebe Mehl wurde am meisten beklagt.
Dr. Gerd Villwock liest „Die Klage über die tyrannischen Ziegenböcke“ am Himmelfahrtstag 2011 in Fienstedt. Dr. Gerd Villwock liest „Die Klage über die tyrannischen Ziegenböcke“ am Himmelfahrtstag 2011 in Fienstedt.