FIENSTEDT | SALZATAL

Die Zörnitzer Ochsen-Execution

Königlicher Landrat v. Kerßenbrock bestätigt in einem Streit im Zusammenhang mit Himmelfahrt eine Zehntbefreiung



1862 wird der Fienstedter Anspänner und Ortsschulze Albert Friedrich Hempel (1826–1891) vom Kgl. Landrat aufgefordert, für seinen ehemaligen Besitz in der Zörnitzer Flur, den vereinbarten Betrag für das Bier zum dortigen Himmelfahrtsfest auch rückwirkend zu begleichen. Hempel aber ist der Meinung, dass nach der SEPARATION (Flurneuordnung) diese Verpflichtung erloschen ist.

So argumentierten bereits 1856 die Fienstedter Anspänner Ferdinand Boltze (1801–1871) und Friedrich Emicke (1815–1885), beide ebenfalls mit ehemaligen Besitz in Zörnitz vor der Flurneuordnung. Auch sie wollten nur noch für das ortseigene Himmelfahrtsbier spenden.

Der Streit eskaliert. Der königliche Landrat v. Kerßenbrock muß den Streit schlichten. Zweimal droht er mit „Execution”, da Hempel sich nicht einsichtig zeigt. Den letztlich tatsächlich beschlagnahmten Ochsen kann der Anspänner nur durch Zahlung seines Himmelfahrtsbeitrages freikaufen.

Interessanterweise bestätigt der Landrat in seinem Schreiben vom 17. April 1856 eine Steuerfreiheit im Zusammenhang mit dem Himmelfahrtsbrauch, denn es heißt:„Da jedoch die Beiträge zu dem Himmelfahrtsbiere deshalb geleistet werden müssen, weil dagegen die Äcker in der Zörnitzer Marke zehntfrei geworden sind.“

An den Anspänner Friedrich Emicke zu Fienstedt.
An den Anspänner Ferdinand Boltze daselbst.
Abschrift hiervon erhält der Schulze Herr Wagner (zu Zoernitz) zur Nachricht auf den Bericht vom 13 v. Mts.

Helmsdorf, den 17.April 1856.

 An den Anspänner Friedrich Emicke zu Fienstedt.An den Anspänner Ferdinand Boltze daselbst.Abschrift hiervon erhält der Schulze Herr Wagner (zu Zoernitz) zur Nachricht auf den Bericht vom 13 v. Mts.

„Bei Ihrer am 15. August v. J. erfolgten Vernehmung haben Sie erklärt, dass Sie sich zur Entrichtung eines Beitrages zu dem Himmelfahrtsbiere in die Gemeinde Zoernitz aus diesem Grunde nicht verpflichtet hiellten, weil Sie keine Grundstücke mehr in der Zoernitzer Feldmarke besäßen, sondern bei der Zoernitzer-Fienstedter Separation mit Ihren Grundstücken ausgewiesen worden, folglich diejenigen an Ihre Stelle getreten wärewn, welche Ihre Grundstücke jetzt in Besitz hätten.

 

Da jedoch die Beitäge zu dem Himmelfahrtsbiere deshalb geleistet werden, weil dagen die Aecker in der Zoernitzer Marke zehntfrei geworden sind, die Betreuung Ihrer Äcker von der Entrichtung des Zehntes aber nach deren Ausweisung aus der Zoernitzer- und Einverleibung der Fienstedter Flur noch fortdauert, so sind Sie auch schuldig und verbunden, den Beitrag zu dem Himmelfahrtsbiere fort zu entrichten. Ich weise Sie daher hierdurch an, nicht nur den rückständigen Beitrag von 1Sgl - pro 1855 nachträglich zu berichtigen, sondern auch künftig Ihre Beiträge pünktlich zu zahlen.“

 

Der Königliche Landrath v. Kerßenbrock

An den Königlichen Landrath Freiherrn von Kerßenbrock
Hochwohlgeboren auf Helmsdorf

Fienstedt, 29. JUNI 1862

 An den Königlichen Landrath Freiherrn von KerßenbrockHochwohlgeboren auf Helmsdorf
„Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich auf die Verfügung unterm 24. d. Mts. gehorsamst Kenntnis zu geben, dass ich wirklich nicht begreifen kann wie der Schulze Wagner auf Antrag der Gemeinde Zörnitz dazu kömmt, solche lächerliche Anzeige zu machen. Und erwiedere hierauf folgendes.
1)    Was heißt Gemarkung – Zehnfreiheit – wo steht schwarz auf weiß geschrieben, das aus andern Dörfern soll für die Zörnitzer Gemeinde das Bier gezahlt werden?
2)    Wo steht mein bestimmter Beitrag ausgeworfen? Es geht nur nach Belieben. Wenn ich also statt 1 Sgl. 1 Taler gebe, komme ich auch meinen Verpflichtungen nach. Ich nenne dieses eine großartige Bettelei.
3)    Musste der Schulze Herr Wagner, oder die Gemeinde sich vorbehalten, bei Einleitung der Seperation, das alle Gebräuche und Sitten, nach der Separation durch Protokoll Aufnahme beibehalten werden. Folglich dieses ist nicht geschehen, und nach der Separation sind solche Betteleien aufgehoben.“

Hochachtungsvoll, der Schulze Hempel

An den Schulzen Herrn Hempel in Fienstedt

Helmsdorf, den 28. Juli 1862

 An den Schulzen Herrn Hempel in Fienstedt

„Auf den Bericht vom 29. v. Mts. eröffnen ich Ihnen, dass von den Grundstücken, welches Sie in der Zörnitzer Flur besitzen, schon seit länger als 30 Jahren jährlich 6 Taler Beitrag zu dem Himmelfahrtsbiere an die dortige Gemeinde gegeben worden sind und Sie zu deren Entrichtung ebenfalls verpflichtet sind, da durch die Separation bezüglich der Abgaben nichts geändert worden ist.


Ich weise Sie daher an, Ihren Rückstand binnen 14 Tagen, vom Empfang dieser Verfügung an, zu berichtigen, widrigenfalls dessen executivische Einziehung verfügt werden wird.
Es muß um so mehr befremden, dass von Ihnen dieser geringfügige Beitrag verweigert wird, da in Fienstedt das Himmelfahrtsfest in gleicher Weise und aus demselben geschichtlichen Grunde gefeiert wird, wie in Zörnitz, auch, wie verlautet, dort ebenfalls freiwillige Beiträge zum Bier gesammelt werden, ohne dass solches für eine grossartige Bettelei gehalten wird.“

Der Königliche Landrath Kerßenbrock

Abschrift erhalten Sie zur Nachricht unter Beifügung einer Abeschrift von der Erklärung des g. Hempel und Rückgabe meiner Verfügung vom 17. April 1856

An den Schulzen Herrn Hempel zu Fienstedt

Helmsdorf, den 17. Januar 1863

 An den Schulzen Herrn Hempel zu Fienstedt
„Da nach alter Observanz alle Besitzer von Grundstücken in der Feldmark Zoernitz, sie mögen im Orte oder auswärts wohnen, verpflichtet sind, einen Beitrag von mindestens 6 Taler jährlich zu dem Himmelfahrtsbiere zu zahlen, auch Sie, resp. Ihre Vorbesitzer diesen Beitrag seit länger als 30 Jahren gegeben haben, so sind Sie schuldig, solchen auch fort zu entrichten. Ich beauftrage Sie daher hierdurch, nicht nur den Rückstand unfehlbar binnen 14 Tagen, sondern auch fernerhin bei der Feier des Himmelfahrtfestes Ihren jährlichen Beitrag zu entrichten, widrigenfalls dessen executivische Einziehung erfolgen wird.“

Der Königliche Landrath Kerßenbrock

An den Ortschulzen Herrn Wurzler in Zörnitz

Eisleben am 21. April 1863

 An den Ortschulzen Herrn Wurzler in Zörnitz
„Nachdem der Ortschulze Hempel in Fienstedt den rückständigen Himmelfahrts „Bier“-Beitrag von 6 Taler samt ... heute persönlich hier bezahlt hat, ist die gegen ihn vollstreckte Execution aufgehoben und der mit Beschlag belegte Ochse wieder freigegeben worden. Es wird Ihnen hierbei der Betrag von 6 Talern übersendet, und ist dem Herrn Landrath v. Kerßenbrock von der Erledigung der Sache gleichzeitig diesseits Anzeige gemacht worden.“

Der Kreiskassenexecutor Siegurt Böttger

Separation (Flurneuordnung)

Flurnamen in der Karte der ehem. Historischen Kommission für die Provinz Sachsen <br>(sog. <b>Herberskarte</b>), Blatt 2531 Wettin (Ausschnitt, Mitte 19. Jh.) Flurnamen in der Karte der ehem. Historischen Kommission für die Provinz Sachsen
(sog. Herberskarte), Blatt 2531 Wettin (Ausschnitt, Mitte 19. Jh.)

Der kgl. Landrat

Bernhard Simon von Kerßenbrock
(*1800 Mönchshof–†1872 Helmsdorf)

Der kgl. Landrat Bernhard Simon von Kerßenbrock (*1800 Mönchshof–†1872 Helmsdorf)

Bernhard Simon von Kerßenbrock war ein deutscher Kommunalpolitiker.

Von 1827 bis kurz vor seinem Tod 1871 war er Landrat des preußischen Mansfelder Seekreises und folgte seinem Vater Wilhelm in diesem Amt.

Die Familie gehört zu einem alten ostwest-

fälischen und lippischen Adelsgeschlecht

Friedhof in Fienstedt

Ferdinand Boltze
(*1801–†1871)

 Ferdinand Boltze(*1801–†1871)

Friedrich Emicke
(*1815–†1885)

 Friedrich Emicke(*1815–†1885)

Albert Friedrich Hempel
(*1826–†1891)

 Albert Friedrich Hempel(*1826–†1891)

Himmelfahrtsfest 2014 in Fienstedt

2014 wurde das Himmelfahrtsfest in Fienstedt der sog. Zörnitzer Ochsen-Execution gewidmet.<br>Und da durch diesen Bierstreit tatsächlich eine Steuerbefreiung im Zusammenhang mit dem Himmelfahrtsfest aktenkundig wurde, bedankte sich der Fienstedter Heimatverein bei den Zörnitzern für ihr Einfordern des Beitrages zum Himmelfahrtsbier natürlich mit süffigen OCHSEN-BRÄU. 2014 wurde das Himmelfahrtsfest in Fienstedt der sog. Zörnitzer Ochsen-Execution gewidmet.
Und da durch diesen Bierstreit tatsächlich eine Steuerbefreiung im Zusammenhang mit dem Himmelfahrtsfest aktenkundig wurde, bedankte sich der Fienstedter Heimatverein bei den Zörnitzern für ihr Einfordern des Beitrages zum Himmelfahrtsbier natürlich mit süffigen OCHSEN-BRÄU.
Am Festtag 2014 schufen Fienstedter und ihre Gäste aus Lehm einen lebensgroßen Ochsen.<br>Im Hintergrund steht noch die Elisabeth aus Lehm vom vorangegangenen Himmelfahrtsfest. Am Festtag 2014 schufen Fienstedter und ihre Gäste aus Lehm einen lebensgroßen Ochsen.
Im Hintergrund steht noch die Elisabeth aus Lehm vom vorangegangenen Himmelfahrtsfest.