FIENSTEDT | SALZATAL

Nachricht von einer Zehend-Freyheit, welche das Dorf Fühnstädt in der Grafschaft Mansfeld vor langer Zeit erhalten hat,

und wie solche alle Jahr am Himmelfahrtstage durch Verlesung dieser Nachricht auf öffentlichen Platze der versammelten Gemeinde bekannt gemacht wird. Auf Kosten des dasigen Landrichters Simon Polze dem Druck übergeben.

HALLE, gedruckt bey Friedrich Wilhelm Hundt, 1763.

 

Jedermann, so allhier zugegen, er sey Nachbar oder Nachbarin, Kinder oder Gesinde, oder ein Fremder und Gast, sey stille und merke auf das, was jetzo hier öffentlich abgelesen werden soll.

Es ist von unsern Eltern, Großeltern und uralten Vorfahren in dieser Gemeinde Fühnstädt diese Gewohnheit und Gebrauch auf uns und unsere Nachkommen gebracht und erhalten worden; daß mit Nachsicht, sowohl unserer hohen und niedrigen Obrigkeit am heutigen Himmelfahrstage, diese ganze Gemeinde allhier, auf diesem Platze unter freyem Himmel alljährlich sich versammlet und eingefunden, und ein Gewisses an Bier mit einander in nachbarlicher Einträglichkeit getrunken; auch damit allen Unheil, so bey der gleichen Versammlungen durch unruhige und friedenstöhrige Gemüther gar leicht gestiftet wird, desto mehr gewehret, und gute Zucht und Erbarkeit erhalten werde, frey öffentlich geboten, allen Unfug, wie solche Namen haben mögen, und das sowohl denen göttlichen als weltlichen Rechten zuwider, bey Vermeidung der darauf gesetzten ernsten Strafe zu vermeiden und mäßig zu sein; hingegen sich aller Zucht und Erbarkeit, Mäßigkeit und Bescheidenheit sich befleißigen. Dannenhero ich solches Gebot hiermit will gethan, und einem jeden vor Schaden und Strafe gewarnet habe; damit aber auch der Ursprung und die Ursache, warum diese Gemeinde alljährlich am heutigen Himmelfahrtstage hier bey dem Gemeindebrunnen, von uralter Zeit, zusammen gekommen, mit einander sieben Rinkeimer Bier ausgetrunken, und über diese Gewohnheit steif, vest und unverbrüchlich gehalten, nicht in Vergessenheit gebracht, sondern den Unwissenden bekannt gemacht, und dadurch auf unsere Nachkommen fortgepflanzet werde; so hat es mit solcher folgende Bewandniß:

Eine Königin, Elisabeth genannt, so vor mehr als sechshundert Jahren gelebet, als ist unsere Vorfahren bey ihren Durchzuge mit sieben Rinkeymern Bier allhier auf diesem Platze entgegen gegangen, und sie unterthänig emfangen, hat aus königlicher Gnade und Mildigkeit, solche Wohlthat zu vergelten, ein ewiges Gedächtniß gestiftet, und sich die Liebe und Gutwilligkeit der Einwohner so wohl gefallen lassen, daß sie unsere Gemeinde, wie auch andern benachbarten, die dergleichen gethan, von allen Zehenden und Beschwerungen, so weit unsere Marke gehet, und was dazu gehöret, und von alten Zeiten der hiesigen Gemeinde zuständig gewesen, zu ewigen Zeiten befreyet; und damit solche königliche Gnade in kein Vergessen gestellet, und über diese Befreyung jederzeit steif und vest gehalten, daß zu einem Lobgedächtniß diese Gemeinde alle Jahr heute allhier, Ihr zu Ehren, sieben Rinkeymer Bier austrinken, und dabey die edle Freyheit auf unsere Erben und Nachkommen fortsetzen und erhalten sollte.

Diesweil nun unsere Vorfahren und wir diesen Gebrauch bisher unverbrüchlich, auch in denen allergefährlichsten Zeiten erhalten; als wollen wir solchen auch vorjetzo nicht an die Seite setzen, sondern gebührend und bescheidentlich damit fortfahren, und zwar aus dieser Bewegniß, damit wir nicht die unter solcher Bedingung bekommende Zehendfreyheit verlieren, und daneben in die dabey verordnete Strafe fallen mögen; allermassen wir auf den widrigen Fall schuldig sind zu geben, unsere Obrigkeit den Zehenden, so weit als unsere umliegende Marke gehet, ingleichen ein kohlschwarz Rind, mit vier weissen Füssen und einer weissen Blässe, und einen Ziegenbock mit vergoldeten Hörner, wie auch ein vierspännig Fuder Semmeln und eine Tonne Mückenfett; wiewol niemanden bewust seyn wird, daß diese Gewohnheit wäre unterlassen worden, und die obgedachte Strafe dadurch verwürket worden; dannenhero trink ein jeder, jedoch mit christlicher Mäßigkeit und in guten Friede, damit wir nicht durch ein unmäßiges Leben und in Seelengefahr setzen, und da wir eine zeitliche Freyheit zu erhalten gedenken, nicht die ewige Seligkeit verlieren.

Erneuert im Jahre 1904 unter Dorfschulzen Wilhelm Bedau.