FIENSTEDT | SALZATAL

Himmelfahrtsfest

Um das Himmelfahrtsfest ranken sich drei Legenden.
Zusätzlich existiert eine durch den Chronisten der Grafen von Mansfeld, Cyriacus Spangenberg, niedergeschriebene Nachricht
aus dem 16. Jahrhundert.



Himmelfahrt.

nach Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen



[149] In den Dörfern Gödewitz, Fienstedt, Gorsleben, Zörnitz und Krimpe feiert man zu Himmelfahrt ein Fest, bei welchem man eine Tonne Bier trinkt und darauf in einer für das Fest erbauten Scheune, der Himmelfahrtscheune, die neben der Kirche steht, tanzt. Früher, noch nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts, versammelte man sich vor dem Tanze am Gemeindebrunnen und trank da sieben Rinkeimer Bier, und zugleich wurde in Fienstedt und wahrscheinlich auch in den übrigen Dörfern öffentlich verlesen woher das Fest stamme. Eine Königin Namens Elisabeth, hieß es, kam vor mehr als sechshundert Jahren am Himmelfahrtstage durch Fienstedt: damals kam ihr die Einwohnerschaft mit sieben Rinkeimern Bier entgegen sie zu empfangen, und hierüber war die Königin so erfreut, daß sie den Bewohnern von Fienstedt und den benachbarten Dörfern, welche das Gleiche gethan, alle Steuern für ewige Zeiten erließ unter der Bedingung daß jede Gemeinde alljährlich am Himmelfahrtstage der Königin zu Ehren sieben Rinkeimer [150] Bier am Gemeindebrunnen trinke. Der Vorleser ermahnte darum die Gemeinde das Fest nicht untergehen zu lassen; denn wenn sie es nicht mehr feire, sei sie verpflichtet der Obrigkeit den Zehnten und dazu noch ein schwarzes Rind mit weißen Füßen und weißer Blässe, einen Ziegenbock mit vergoldeten Hörnern und ein vierspänniges Fuder Semmeln zu entrichten.1

Gegenwärtig erzählt man daß eine Gräfin von Mansfeld, die ihr Gemahl verstoßen habe, in diesen Dörfern freundlich aufgenommen worden sei; und als der Graf später ihre Unschuld erkannte und die Verstoßne wieder zu Ehren aufnahm, habe er den fünf Dorfgemeinden den Zehnten unter der Bedingung erlassen, daß sie alle Jahr am Himmelfahrtstage ein Fest feierten und dabei zu seinem Gedächtniß eine Tonne Bier tränken. – Das Geld, mit welchem das Fest ausgerichtet wird, schießen die einzelnen Dorfgemeinden zusammen: sie erwählen zwei Bierherrn, die Alles anordnen und nichts zu zahlen brauchen. Das Bier aber muß bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken werden, und jeder Fremde, der vorüber geht, muß mittrinken. In Fienstedt, Gorsleben, Zörnitz und Krimpe trinkt man das Bier im Dorfe, in Gödewitz auf einem Hügel vor demselben, welcher davon der Bierhügel heißt, und auf den am Himmelfahrtsmorgen aus jedem Hause ein Bewohner kommen muß. Wenn eine Gemeinde das Fest nicht mehr feiern wollte, [151] so wäre sie, wie man jetzt sagt, verpflichtet einen Bock mit ganz goldenen Hörnern, zwei Fuhren Semmeln und eine Tonne Mückenfett der Obrigkeit zu liefern.

In andern sächsischen Dörfern, wie in Nietleben, schmückt man am Himmelfahrtstage die Häuser mit Blumengewinden.

 

Emil Friedrich Julius Sommer (* 5. Mai 1819 in Oppeln; † 22. Juli 1846 in Halle)

war ein Philologe und gilt als Begründer der Germanistik in Halle und als Sammler zahlreicher Volksüberlieferungen. [Weitere Informationen]


Fußnote:

1 Neue Mittheilungen des thüringisch-sächsischen Vereins 5, 2, 130 f.

Quelle:

Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen 1. Halle 1846, S. 149-151.

Elisabeth

War die Königin namens Elisabeth die berühmte Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, die Heilige Elisabeth oder war sie eine Gräfin von Mansfeld, vielleicht wie Cyriacus Spangenberg, im 16. Jahrhundert Chronist der Grafen von Mansfeld, schrieb: Elisabeth, die Schwester von Gebhardt XII. von Mansfeld?



In der ersten Version der Legende kam eine Königin namens Elisabeth vor mehr als 600 Jahren am Himmelfahrtstage durch Fienstedt. Die Bauern dieses und der benachbarten Dörfer gingen ihr mit sieben Eimern Bier entgegen, um sie willkommen zu heißen. Darüber war die Königin so erfreut, dass sie den Bauern von Fienstedt und der benachbarten Dörfer alle Steuern auf ewige Zeiten erließ. An diesen Steuererlass wurde die Bedingung geknüpft, dass jede der Gemeinden jährlich am Himmelfahrtstage sieben Eimer Bier trinken müsse.

Diese so nüchterne Legende wurde jedoch von einigen Erzählern abgewandelt. Die Königin Elisabeth wurde zu Elisabeth, Landgräfin von Thüringen (Gemahlin von Ludwig IV. von Thüringen). Auch soll sie nicht mit Bier, sondern aus einer Quelle erfrischt worden sein. Deren jährliche Reinigung machte sie zur Bedingung der Steuerfreiheit, auch mit der Auflage jährlich am Himmelfahrtstage die bereits besagten sieben Eimer Bier zu trinken. Tatsächlich wurde die Quelle des wüsten Dorfes Überrode bis 1820 von Siedlern aus Benkendorf, Zappendorf, Schiepzig und Salzmünde gereinigt. Die entsprechenden Familien befanden sich im Besitz von Ackerstücken der Überröder Flur.

Die zweite Version der Legende: Eine Gräfin von Mansfeld wurde von ihrem Manne, der glaubte betrogen worden zu sein, verstoßen. Auf ihrer Irrfahrt soll sie Aufnahme in der Gegend der Dörfer Gödewitz, Krimpe, Fienstedt, Gorsleben und Zörnitz gefunden haben. Der Graf soll später, nachdem er die Unschuld seiner Gemahlin erkannt hatte, besagte Dörfer mit dem Erlass des Zehnten belohnt haben. Das allerdings unter der Auflage, ihm zu Ehren jährlich am Himmelfahrtstage eine Tonne Bier zu trinken.

Die dritte Version der Legende schreibt das Himmelfahrtsfest auf dem Bierhügel wiederum Elisabeth von Thüringen zu. Als sich Ludwig auf einem Kreuzzug befand, soll sie sein Bruder verstoßen haben. Von ihrer alten Amme auf der Flucht mitten im Winter begleitet, soll sie bei einem alten Manne in der Gegend Unterkunft gefunden haben. Elisabeth, der auch in anderen Sagen eine außergewöhnliche Hilfsbereitschaft angedichtet wurde, soll den ganzen Winter über mildtätig in Krimpe, Zörnitz, Fienstedt und Gödewitz gewirkt haben. Als endlich der Winter vorbei war – so die Legende – stieg Elisabeth am Himmelfahrtstage mit den Bewohnern der Dörfer auf den Salzmünder Bierhügel, um dort den Sonnenaufgang zu feiern. Im Moment des Sonnenaufganges soll ihr Gemahl hoch zu Ross und in voller Rüstung den Bierhügel erreicht und seine Gattin in die Arme geschlossen haben. Zum Andenken bestimmte Ludwig, dass alljährlich am Himmelfahrtstage auf dem Bierhügel einige Tonnen Bier von den Dörflern getrunken werden sollten. Auch wurden der Legende nach die Dörfer vom Zehnten befreit. Sollten die Bauern einmal das Himmelfahrtsfest vergessen, würden sie sofort wieder zehntpflichtig. Außerdem sollten sie in diesem Falle ein Schock Semmeln und eine schwarze Kuh mit weißen Füßen abliefern.

So anrührend diese Sage auch sein mag: Ihr Wahrheitsgehalt geht gegen Null. Tatsächlich brach Ludwig IV. von Thüringen im Juni 1227 zu einem Kreuzzug nach Jerusalem auf. Allerdings verstarb er schon auf der Anreise zum Kreuzzug in Otranto in Apulien.

Cyriacus Spangenberg, im 16. Jahrhundert Chronist der Grafen von Mansfeld, schrieb hingegen folgende Geschichte nieder: Elisabeth, die Schwester von Gebhardt XII. von Mansfeld, wurde 1449 mit Bernhard von Regenstein verheiratet. Ihr Bruder sollte unter anderem 4000 Gulden Ehegeld zahlen. Elisabeth verzichtete auf einen guten Teil ihres Ehegeldes, bat aber im Gegenzug ihren Bruder, den Orten Salzmünde, Fienstedt, Gödewitz und Trebitz, den Zehnten zu erlassen. Gebhardt ging darauf ein. Er machte jedoch zur Bedingung, dass die Einwohner der genannten vier Dörfer am Himmelfahrtstage gemeinsam Bier trinken sollten. Auch durfte kein Fremder abgewiesen werden. Im Falle einer Zuwiderhandlung sollten die Bewohner der Dörfer dem Grafen einen Ochsen und ein Schock Semmeln abliefern. Auch würden sie das Privileg der Zehntfreiheit verlieren. Die von Spangenberg erzählte Geschichte scheint dem Ursprung des über Jahrhunderte gefeierten Festes am nächsten zu kommen. Zum einen existierte die genannte Elisabeth tatsächlich und sie wurde auch mit Bernhard von Regenstein verheiratet. Möglicherweise wurde aber schon weit eher, nämlich in vorgeschichtlicher Zeit, das Ende des Winters auf dem Bierhügel gefeiert.

[Text: Birk Ecke]

Anm. zu Spangenberg:
Elisabeth von Mansfeld (1432-1477) war die Tochter von Gebhard V. (1391-1433) und Elisabeth von Hohnstein (1377-?) und Schwester von Gebhard VI. (1429-1492), Heirat 1442 mit Bernhard V. von Regenstein(1428-?). Sie hatten 6 Kinder.
<b>Titelblatt der historischen Urkunde von 1763</b>,<br> die 1904 der damalige Dorfschulze Wilhelm Franz Albin <b>BEDAU</b> (*1856–†1937) neudrucken ließ. Seine Ehefrau Louise Emilie geb. <b>MICHELMANN</b> (*1866–†1960) war die Urenkelin von Landrichter Simon <b>BOLTZE</b> (*1726–†1774), der 1763 den Erstdruck der Urkunde finanzierte. Titelblatt der historischen Urkunde von 1763,
die 1904 der damalige Dorfschulze Wilhelm Franz Albin BEDAU (*1856–†1937) neudrucken ließ. Seine Ehefrau Louise Emilie geb. MICHELMANN (*1866–†1960) war die Urenkelin von Landrichter Simon BOLTZE (*1726–†1774), der 1763 den Erstdruck der Urkunde finanzierte.

[Text der Urkunde]

<b>Himmelfahrt 09.Mai 1918:</b><br>Verlesung der Urkunde durch Max Friedrich <b>ZORN</b> (*1875–†1924), dem Großvater von Ortsbürgermeister Wolf-Dieter ZORN (man beachte auch die abgestellten Biergläser auf dem Bauernstein). Im Hintergrund links: Wilhelm Franz Albin <b>BEDAU</b> (*1856–†1937) Himmelfahrt 09.Mai 1918:
Verlesung der Urkunde durch Max Friedrich ZORN (*1875–†1924), dem Großvater von Ortsbürgermeister Wolf-Dieter ZORN (man beachte auch die abgestellten Biergläser auf dem Bauernstein). Im Hintergrund links: Wilhelm Franz Albin BEDAU (*1856–†1937)
<b>Himmelfahrtsumzug 1929</b><br>mit Ochsenkarren und geschmücktem Bierfaß. Himmelfahrtsumzug 1929
mit Ochsenkarren und geschmücktem Bierfaß.
<b>1929</b> Umzug mit Festansprache 1929 Umzug mit Festansprache
<b>1929</b> Feierlichkeiten auf dem Dorfplatz 1929 Feierlichkeiten auf dem Dorfplatz
<b>1929</b> Die beiden Pappelringe 1929 Die beiden Pappelringe
Himmelfahrt in den <b>1930</b>er Jahren, <br>im Hintergrund Else <b>ZORN</b> (*1883–†1947), <br>die Witwe von Max ZORN (*1875–†1924) Himmelfahrt in den 1930er Jahren,
im Hintergrund Else ZORN (*1883–†1947),
die Witwe von Max ZORN (*1875–†1924)